Presse: Verbrechen und Gedenken (junge Welt)

Aus: Ausgabe vom 22.02.2022, Seite 12 / Thema
Spanischer Bürgerkrieg
Verbrechen und Gedenken
Tage der Schande. Auch auf den Balearen mordeten die Franquisten. An die Opfer erinnern mehrere Mahnmale
Von Werner Abel

Jährlich fliegen circa vier Millionen deutsche Touristinnen und Touristen nach Mallorca. Die Insel bietet tatsächlich alle Voraussetzungen für einen idealen Aufenthalt: herrliche Strände und verschwiegene Buchten, das Bergmassiv der Tramuntana mit den intakten Wäldern, freundliche Menschen und ein angenehmes Klima. Aber wie viele interessieren sich für die Balearen unter der Franco-Diktatur und nehmen heute die Wahrzeichen und Symbole des antifaschistischen Mallorcas wahr? So wird der 24. Februar als »Tag der Erinnerung« begangen.

Am Passeig del Born de Molinar im ehemaligen Arbeiterviertel El Molinar der mallorquinischen Hauptstadt Palma, das heute eins der beliebtesten Touristenziele ist, steht auf einem hohen Steinsockel die bronzene Büste einer jungen Frau. Am 5. Januar 2022 wurde dort vom balearischen Flügel der spanischen sozialistischen Partei (PSOE-PSIB) ein Bukett roter Rosen niedergelegt. Das Denkmal und die Würdigung sollen an die Ermordung der jungen Kommunistin Aurora Picornell erinnern, die mit ihren Genossinnen Catalina Flaquer Pascual und deren Töchtern Antonia und Maria und Belarmina Gonzales Rodríguez an diesem Januartag im Jahre 1937 an der Rückseite der Kapelle La Creu auf dem Friedhof von Porreres erschossen wurde. Die am 1. Oktober 1912 geborene Aurora Picornell, auch die »mallorquinische Pasionaria« genannt, eine gelernte Näherin, hatte sich schon früh für die Rechte der Frauen eingesetzt, war 1928 in die Gewerkschaft und 1930 in die noch kleine Kommunistische Partei (PCE) eingetreten. Dass 1934 erstmals der Frauentag auf Mallorca begangen wurde, war ihrer Aktivität zu verdanken. Mit 16 Jahren begann sie für die kommunistische Zeitung Nuestra palabra zu schreiben, ein Glücksumstand, denn so blieb ihr literarisches Vermächtnis erhalten und konnte in jüngster Vergangenheit mehrfach in Buchform erscheinen. 1931 hatte Aurora Heriberto Quiñones geheiratet, einen vermutlich in der Bukowina geborenen Abgesandten der Komintern, dem es aber gelungen war, einen echten spanischen Pass zu bekommen, und der zu einem wichtigen Funktionär des PCE wurde.

Die Roten von El Molinar

1934 wurde die Tochter von Aurora und Heriberto geboren, die aus Verehrung für die Russische Revolution von 1917 Octubrina Roja genannt wurde. Als im Februar 1936 die Volksfront siegte, steigerte Aurora ihre Aktivitäten. So war sie im Mai in Madrid bei Dolores Ibárruri (sie wurde geehrt als »La Pasionaria«), die sie gerne für die politische Arbeit auf dem Festland gewinnen wollte. Aber Aurora kehrte nach Mallorca zurück. Am 18. Juli, als die Generäle putschten, sprach sie bei ­Manuel Espina vor, dem republikanischen Zivilgouverneur von Mallorca, damit dieser Waffen für den Kampf gegen die Faschisten freigebe. Aber dieser winkte mit den Worten ab, General Manuel Goded Llopis, der Militärbefehlshaber der Balearen, der zum Kreis der Putschgeneräle um José Sanjurjo, Francisco Franco, Emilio Mola und Gonzalo Queipo de Llano gehörte, habe ihm gesagt, er sei für ein Abenteuer zu alt. Am nächsten Tag erklärte Goded den Kriegszustand, die faschistische Falange übernahm die Macht und begann mit der Verfolgung der Republikaner. Aurora wurde in Palma im Volkshaus, dem Sitz des PCE, verhaftet und ins Frauengefängnis gebracht. Die Mordkommandos der mallorquinischen Falange bzw. Faschisten wüteten mit einer besonders üblen Methode: Nach einer formalen Freilassung wurden die Republikaner entführt und irgendwo an einer Friedhofsmauer oder einfach auf freiem Feld ermordet. Aurora und die »Roten von El Molinar« wurden zuerst ins Kloster Montuiri gebracht und dort gefoltert und anschließend in Porreres ermordet. In den letzten Jahren wurden dort mehrere der Hingerichteten exhumiert, aber die Gebeine von Aurora konnten noch nicht gefunden werden. Vor ihrem Tod hatte sie den Falangisten zugerufen: »Ihr könnt Männer, Frauen und Kinder töten, aber Ideen? Mit welchen Kugeln wollt ihr die Ideen töten?« Manel Suárez, Vizedirektor der Associació per a la Memòria Històrica, schrieb: »Nach der Ermordung versuchte einer der falangistischen Mörder in einer Taverne mit dem blutigen Büstenhalter Auroras zu prahlen. Sein Auftritt wurde mit Schweigen quittiert. Mit dem Tod von Aurora, einem Symbol für die befreite und freie Frau, war Spanien dem Mittelalter wieder etwas näher.« Auch Auroras Vater und zwei Brüder wurden ermordet.

Ihre Tochter Octubrina wuchs bei der Großmutter auf. Den gegen die republikanischen Errungenschaften gerichteten franquistischen Dekreten vom 28. Mai 1938 und 9. Februar 1939 zufolge war ihr Name »exotisch und extravagant«, sie wurde ab 1939 Francisca genannt. Ihr Leben in dem heruntergekommenen Viertel El Molinar war entbehrungsreich. 1966 heiratete sie und bekam danach zwei Töchter. Aber 1969 starb sie nach einem Herzinfarkt im Alter von nur 35 Jahren. Heute tragen eine Schule und eine Straße in Palma den Namen ihrer Mutter, aber auch ein Kollektiv, das sich dem antifaschistischen Kampf widmet. Ihr Vater Heriberto Quiñones hatte zunächst Glück, er war zum Generalsekretär des Provinzkomitees des PCE der Balearen gewählt worden und befand sich auf Menorca, das bis 1939 republikanisch blieb. 1937 übersiedelte er nach Valencia, um am bewaffneten Kampf gegen die Franquisten teilzunehmen. 1939 gehörte er zu denen, die den Kampf des PCE nunmehr in der Illegalität fortführten. Mehrmals verhaftet, gelang es ihm immer wieder zu fliehen. Als er forderte, den Kampf der Partei den nationalen Gegebenheiten anzupassen, geriet er in Konflikt mit der Auslandsleitung des PCE und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Er aber setzte mit anderen Genossen den Kampf fort und wurde im Dezember vermutlich durch Verrat erneut verhaftet. Man folterte ihn im Hauptquartier der Generaldirektion für Sicherheit derart, dass er nicht mehr gehen konnte. Zum Tode verurteilt, musste er wegen seines schlechten Zustands auf einem Stuhl festgebunden werden, als er mit zwei Genossen am 2. Oktober 1942 am Stadtrand von Madrid erschossen wurde. Das überlieferte Protokoll hielt fest, dass er in den Verhören nicht mal seine eigene Adresse preisgegeben hatte und dass seine letzten Worte »Lang lebe die Kommunistische Internationale!« waren. Unbekannt ist, wo ihn die Franquisten verscharrt haben.

Orte des Schreckens

An der Stelle in Porreres hingegen, wo Aurora und viele andere Republikaner ermordet wurden, befindet sich heute neben Gedenktafeln ein aufrecht stehendes Rechteck aus absichtlich angerostetem Stahlblech, in das die Konturen eines offensichtlich stürzenden Menschen mit schmerzverzerrtem Gesicht geschnitten sind, dem ein Messer in die Brust gestoßen wurde. Diese Skulptur, die den Opfern des Franquismus gilt, steht auch an anderen Orten, an denen Menschen ermordet oder gefangengehalten worden waren. So zum Beispiel in Banys de Sant Joan de la Font Santa in der Nähe von Campos, einem ehemaligen Konzentrationslager, in dem die Gefangenen Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Häftlinge kamen aus Palma, wo es mit Can Mir, einem ehemaligen Holzlager, und dem imposanten, fast überall von Palma aus zu sehenden Castell de Bellver, dem einzigen Rundbauschloss Spaniens, zwei total überfüllte Konzentrationslager gab. Im Bellver hat die Stadtverwaltung Plaketten anbringen lassen, die auf den Missbrauch des Bauwerks aus dem 14. Jahrhundert durch die Falangisten hinweisen. Das Can Mir, in dem zwischen 1936 und 1941 bis zu 2.000 Häftlinge zusammengepfercht waren, war Mitte der vierziger Jahre zum Kino Sala Augusta umgebaut worden. 2019 berichtete der inzwischen hundertjährige Gabriel Riera Sorell, der sowohl im Can Mir als auch in Banys de Sant Joan inhaftiert war, dass sie Straßen bauen mussten, aber kaum Essen bekamen, nur ein Hemd und eine Hose hatten und sich nicht waschen konnten. Wie viele andere habe er sich von rohen Schnecken und Beeren ernährt. Zwischen 1936 und 1942 wurden auf Mallorca etwa 200 Kilometer Straßen gebaut, vor allem von den etwa 15.000 Häftlingen der mehr als 20 Konzentrationslager.

Ein anderes Zeichen des Gedenkens an den faschistischen Terror sind die »Árboles de la memória«, die »Bäume der Erinnerung«. Ebenfalls aus gerostetem Stahl gefertigt, zeigen sie einen konstruk­tivistisch gestalteten Baum mit fünf unterschiedlich großen Ästen. Diese Äste symbolisieren die fünf Inseln der Balearen: Mallorca, Menorca, Cabrera, Ibiza und Formentera. Die Äste scheinen kein Laub zu haben, das lebendige Element ist ihnen genommen. Das ist sicher als Hinweis auf den Terror gedacht, denn die Bäume, die an immer mehr Orten auf Mallorca anzutreffen sind, befinden sich dort, wo gemordet wurde. So zum Beispiel in einem Park in Manacor, wo sich früher der alte Friedhof befand, auf dem tagelang vor aller Augen Menschen erschossen und die Leichen verbrannt wurden. Augenzeugen hatten berichtet, dass man auch Verwundete ins Feuer warf.

Einer der »Bäume der Erinnerung« steht auf dem Friedhof von Palma. Er befindet sich direkt an der »Mur de la memòria«, der »Mauer der Erinnerung«. Hier, an dieser Mauer, wurden zu Beginn der Franco-Diktatur Hunderte Republikaner in der Regel ohne Gerichtsverfahren erschossen. 2011 erklärten die Regierung der Balearen, die Stadtverwaltung von Palma und der Verein »Demokratisches Gedächtnis« die Mauer zur Gedenkstätte für die Opfer des franquistischen Terrors. Vor der Mauer befindet sich zur ebenen Erde eine lange Reihe von Platten mit Namen der Ermordeten, hunderte Male ist aber nur eingetragen »Mann, 5. September 1936«. Die Platten liegen so, dass der oder die Lesende genauso mit dem Rücken zur Wand stehen muss wie diejenigen, die damals vor ihr erschossen wurden. Am Ende der »Mur« liegt auf einer weißen, in die Erde eingelassenen Marmorplatte eine merkwürdige Bronzeplastik mit dem Titel »Sa ropa«, »Die Kleidung«. Was zunächst einem Haufen Abfall ähnelt, zeigt sich bei genauer Betrachtung als ein Gewirr aus Hosen, Jacken und anderen Kleidungsstücken, alle offensichtlich blutverschmiert. Diese Plastik soll daran erinnern, dass man den Opfern nach der Hinrichtung die Kleidung auszog und die Angehörigen dann an dieser feststellen konnten, was mit ihren Nächsten geschehen war. Dabei waren alle Emotionen, Weinen und Bekundungen des Schmerzes streng verboten. Erst im Hause durften die Frauen sagen: »Er ist tot.«

Tag der Erinnerung

Die »Mur« erinnert aber auch an eines der schändlichsten Verbrechen, das die Franquisten in Palma begangen haben: Am 24. Februar 1937 wurden hier Emili Darder i Cànaves, Bürgermeister von Palma, Antoni Mateu Ferrer, Bürgermeister von Inca, der sozialistische Abgeordnete Alejandro Jaume i Rosselló, der »erste sozialistische Intellektuelle Mallorcas«, wie er achtungsvoll genannt wurde, und der Geschäftsmann und Funktionär der Esquerra Republicana (ER) Antoni Maria Ques aus Alcúdia erschossen. Darder, ebenfalls Mitglied der ER und der Ausbildung nach Mediziner, war seit 1933 Bürgermeister von Palma und hatte viel für die hygienische Versorgung der Stadt, für die Reform des Gesundheitswesens und vor allem für die Kinder getan. Als er am 20. Juli 1936 verhaftet wurde, war er schwer krank, sein Haus, seine Bibliothek und sein Besitz waren konfisziert und er im Castell de Bellver inhaftiert worden. Ein Gericht verurteilte ihn zu vierzig Jahren Haft, auch mit der abstrusen Begründung, er habe die »sowjetische Invasion« der Insel begünstigt. Die Haftstrafe genügte der örtlichen Falange nicht, sie forderte seinen Tod. Seine Hinrichtung und die der anderen Angeklagten wurde als öffentliches Spektakel aufgezogen, an dem Hunderte aufgehetzter Bürger teilnahmen und die Falange-Jugend in ihren blauen Hemden ihre Hymne »Cara al sol« sangen. Darder konnte wegen seiner Erkrankung nicht stehen und wurde auf einen Stein gesetzt. Augenzeugen berichteten, dass sich einige Falangisten drängten, den von hinten Erschossenen noch den Fangschuss zu geben, und danach auf die Leichen urinierten. Am nächsten Morgen dann durften die Angehörigen die Leichen zu ihren Gräbern karren.

Der »Día de infamia«, der »Tag der Schande«, wird auf Beschluss der Stadt Palma jedes Jahr am 24. Februar als »Tag der Erinnerung« begangen, um immer auch gleichzeitig an alle Opfer des Franquismus und des Bürgerkrieges zu erinnern. Zu den Opfern des Bürgerkrieges aber werden nicht die gezählt, die den Tod im Kampf gegen die Republik fanden, sondern diejenigen, die die Republik mit der Waffe in der Hand verteidigten. Dazu gehören auch die Mitglieder des republikanischen Expeditionskorps, mit dem im August 1936 versucht wurde, die Insel für die Republik zurückzugewinnen. Initiator dieses Unternehmens war der republikanische Fliegeroffizier Alberto Bayo.

Missglückte Rückeroberung

»Perdimos Mallorca, perdimos la guerra!« (Verlieren wir Mallorca, verlieren wir den Krieg!) hatte Bayo nach dem Putsch der reaktionären Generäle gewarnt. Bayo, geboren 1892 in Kuba, hatte 1919 als Flieger und dann als Infanterieoffizier seine militärischen Erfahrungen im Marokko-Krieg im Kampf gegen die aufständischen Rifkabylen gewonnen. Vor allem hatte er deren Guerillakampf studiert. In diesem Krieg war zum ersten Mal die Luftwaffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden. Sicher haben diese Erfahrungen dazu beigetragen, dass er 1934 in die Unión Militar Republicana Antifascista (UMRA) eintrat und folgerichtig nach dem Putsch der Republik treu blieb. Als erfahrener Luftwaffenoffizier wusste er um die Bedrohung, die von den Balearen ausging, denn von dort aus konnten die wichtigsten Ziele des spanischen Festlands mühelos erreicht werden, vor allem dann, wenn, wie es abzusehen war, die modernen Luftwaffen Deutschlands und Italiens die Putschisten unterstützen würden. Anfangs zögerte die republikanische Regierung, sein Vorhaben zu unterstützen, hatte aber letztlich keine Einwände. Hilfe bekam er von dem damals noch einflussreichen Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen und der katalanischen Regionalregierung. Am 2. August 1936 übernahm Bayo den Oberbefehl über die Invasionstruppen für die Balearen. Von Menorca aus, das republikanisch geblieben war, erfolgte die Eroberung Formenteras und Ibizas. Am 13. August besetzten, ohne sich mit Bayo abzustimmen, anarchistische Milizionäre die Insel Cabrera und setzten am kommenden Tag auf die Ostküste Mallorcas an der Cala Anguila über.

Nach intensivem Artilleriefeuer und der Unterrichtung der Bevölkerung durch Flugblätter gingen am 16. August die aus etwa 8.000 Milizionären und regulären Soldaten bestehenden Truppen Bayos auf der Halbinsel Punta de n’Amer, an der Cala Nau und bei Sa Coma an Land. Ihnen gegenüber standen nur 1.200 reguläre Soldaten, etwa 2.000 falangistische Freiwillige und 300 Angehörige der Guardia Civil und der Carabineros. Trotz der Übermacht gelang es den Republikanern nicht, ins Innere der Insel vorzudringen. Das hatte verschiedene Gründe: Anstatt sofort nach Manacor und Palma vorzustoßen, verschwendeten die Republikaner zuviel Zeit für den Ausbau des Brückenkopfes. Die anarchistischen Milizen, die Puerto Cristo eingenommen und in Puerto Rojo umbenannt hatten, feierten zu lange ihren Sieg. Als sie sich anschickten, auf Manacor vorzustoßen, war die franquistische Abwehr derart stark, dass die Milizen aufgerieben wurden. Der Terror gegen die mallorquinischen Republikaner hatte die Bevölkerung eingeschüchtert, so dass es kaum Unterstützung für die Truppen Bayos gab. Außerdem war es den Franquisten gelungen, neue Truppen vom Festland zu holen. Ausschlaggebend dürfte auch das Eingreifen der italienischen Luftwaffe gewesen sein, die unter anderem die wenigen Flugzeuge Bayos zerstörte und Orte wie Son Servera bombardierte. In Puerto Cristo kam es zu tagelangen Straßenkämpfen, die letztlich mit der Niederlage der Republikaner endeten. Als die republikanische Regierung in Madrid signalisierte, dass das Unternehmen einzustellen sei, musste Bayo den Rückzug befehlen. Nicht alle Milizionäre schafften es, auf die rettenden Schiffe zu kommen. Gefangene wurden durch die Franquisten in der Regel nicht gemacht, man geht davon aus, dass am Strand von Sa Coma noch etwa 200 Leichen verscharrt sind.

Ein guter Katholik

Am 26. August war, von Mussolini und dem Außenminister Ciano geschickt, der Rechtsanwalt Arconovaldo Bonaccorsi auf der Insel eingetroffen, ein fanatischer Faschist und Antikommunist, der sich nach seinem roten Bart »Conte Rossi« (der Rote Graf) nennen ließ und praktisch das Oberkommando über die franquistischen Streitkräfte übernahm. Gleichzeitig gründete er aus den fanatischsten Falangisten die »Dragones de la muerte«, die »Todesdragoner«, eine Einheit, die während der Kämpfe und danach mordend über die Insel zog und gnadenlos alle umbrachte, die als Linke verdächtigt wurden oder die ihnen irgendwie missfielen. Der Conte Rossi befahl auch den Mord an fünf Krankenschwestern, die nach ihrer Gefangennahme gefoltert, vergewaltigt und am nächsten Tag umgebracht wurden. Mittlerweile konnten ihre sterblichen Überreste exhumiert und die Identität von vier von ihnen festgestellt werden. Franquistischen Offizieren, die Einwände erhoben, dass auch Unschuldige liquidiert wurden, antwortete der Conte Rossi: »Gut für sie, dann sind sie eher bei Gott.«

Der Conte Rossi, der als guter Katholik in einem schwarzen Hemd, geschmückt mit einem übergroßen Christenkreuz und dem faschistischen Rutenbündel, auf einem weißen Pferd durch die Straßen ritt, konnte mit der Sympathie des Bürgertums und vor allem des katholischen Klerus unter José Miralles y Sbert, dem Erzbischof der Balearen, rechnen. Der bekannte französische katholische Schriftsteller Georges Bernanos, der von 1934 bis 1937 auf Mallorca lebte und ursprünglich mit den antirepublikanischen Kräften sympathisiert hatte, wandte sich angesichts der Ereignisse entschieden gegen die Falangisten und die Kollaboration der katholischen Kirche mit ihnen. Sein Buch »Die großen Friedhöfe unter dem Mond« (1938) zwang auch den Vatikan, Kritik am mallorquinischen Klerus zu üben. Der Conte Rossi, abberufen von Benito Mussolini, verließ Mallorca im Dezember 1936, hochgeehrt durch Italien und Spanien, auch Nazideutschland verlieh ihm das Eiserne Kreuz. Er gehörte danach den italienischen Streitkräften an, die an der Seite Francos kämpften. Bezeichnend für ihn ist, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg einen deutschen General verteidigte, der in Italien Kriegsverbrechen begangen hatte.

Alberto Bayo hingegen war nie wieder Frontoffizier, sondern zunächst Adjutant des Verteidigungsministers Indalecio Prieto, dann damit beauftragt, in England Waffen für die Republik einzukaufen. Nach der Niederlage der Republik emigrierte er nach Mexiko, wo sich auch die spanische Exilregierung befand. Es gelang ihm, eine Militärakademie zu gründen, an der er zahlreiche Revolutionäre im Guerillakampf ausbildete. Eines Tages stand ein junger kubanischer Rechtsanwalt vor seiner Tür, der später einen jungen argentinischen Arzt mitbrachte. Damit wurden Fidel Castro und Ernesto Che Guevara Bayos Schüler. Nach dem Sieg der Kubanischen Revolution wurde Bayo nach Kuba geholt, wo er beim Aufbau der Volksarmee half. Hochgeehrt, starb er im August 1967, zwei Monate bevor Che Guevara in Bolivien ermordet wurde.

Kampf um das Gedenken

Mit verschiedenen Verordnungen ehren auch die Regierung der Balearen und die Verwaltungen der mallorquinischen Städte die Opfer des Faschismus. Nach dem Stillstand unter der Regierung des PP-Politikers Mariano Rajoy wird jetzt verstärkt versucht, das »Gesetz des historischen Gedächtnisses« durchzusetzen, das nicht nur das Verschwinden franquistischer Symbole, Straßennamen und Denkmäler fordert, sondern auch, den Opfern ihre Namen und ihre Würde wiederzugeben. Auf Mallorca wird von 2.300-3.000 Todesopfern ausgegangen, alleine die meterlange Gedenktafel vor der »Mur« in Palma zeigt 1.800 Eintragungen, zu denen immer wieder neue kommen. Denn durch das Gesetz werden Exhumierungen angeordnet, ohne Rücksicht darauf, was sich über den Gräbern befindet. So musste zum Beispiel auf dem Friedhof von Porreres das Pantheon einer wohlhabenden Familie entfernt werden, weil man wusste, dass es auf einem Massengrab mit verscharrten Republikanern errichtet worden war. Nach aufwendigen Ausgrabungen und sorgfältiger Reinigung der aufgefundenen Skelette werden DNA-Proben entnommen und mit denen potentieller Nachfahren verglichen. Familien zum Beispiel, die wissen, das ihre Vorfahren verschwunden sind oder umgebracht wurden, sind aufgefordert, DNA-Proben bei den Behörden zu hinterlegen. Dadurch konnte bisher circa ein Viertel der sterblichen Überreste von den Faschisten Ermordeter ihren Familien übergeben und von ihnen bestattet werden. Die Kosten für die Exhumierungen und die Untersuchungen übernimmt die Stadtverwaltung.

Die Associaó Memòria de Mallorca bewertet den Franquismus als eine Form des Faschismus. Das wird nicht von allen Mallorquinern so gesehen. In mancherlei Hinsicht gibt es auch durchaus Allianzen zwischen dem konservativen Partido Popular und neuen und alten Rechten. Das zeigt beispielsweise die Debatte um die Entfernung des Denkmals im Park Sa Feixina für den franquistischen Kreuzer »Balears«, dessen Heimathafen Palma war und der am 6. März 1938 in der Schlacht von Cabo de Palos durch die Republikaner versenkt wurde. Dabei kam ein Großteil der Mannschaft ums Leben. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die »Balears« durch die Beschießung der Zivilbevölkerung an verschiedenen Orten an Kriegsverbrechen beteiligt war. So auch auf der Küstenstraße von Málaga nach Almería, wo die flüchtende Bevölkerung unter Beschuss genommen worden war und rund 3.000 Menschen umkamen. Weltkriegserfahrene deutsche Interbrigadisten berichteten, dass selbst sie solche Szenen noch nicht erlebt hätten. Das Denkmal wurde im Mai 1947 in Anwesenheit Francos eingeweiht, nach dessen Tod 1975 begann die Debatte um das Denkmal, und 2010 wurden bestimmte Symbole entfernt. Das Verwaltungsgericht von Mallorca stellte sich 2020 gegen die Absicht der Stadtverwaltung von Palma und argumentierte, das Denkmal müsse aus »architektonischen, künstlerischen und historischen Gründen« erhalten bleiben. Dass es dieses Urteil nicht akzeptiert und auf dem Abriss besteht, das spricht wohl auch für den antifaschistischen Grundkonsens des Ajuntament de Palma.

Literatur

– Georges Bernanos: Die großen Friedhöfe unter dem Mond, Zürich 1983
– Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts, Berlin 2005
– Karl Otten: Torquemadas Schatten, Frankfurt am Main 1982
– Alexander Sepasgosarian: Mallorca unterm Hakenkreuz 1933-1945, Göttingen 2017

Werner Abel schrieb zuletzt am 22. Oktober 2021 auf diesen Seiten über die Gründung der Internationalen Brigaden: »¡No pasarán!«

Quelle: www.jungewelt.de/artikel/421262.spanischer-bürgerkrieg-verbrechen-und-gedenken.html